Kurze Geschichte
der Goethe-Gesellschaft Halle (Saale) e.V.

Die Gründung der halleschen Ortsvereinigung hat eine Vorgeschichte. Sie steht im Zusammenhang mit den Aktivitäten der Leopoldina, der 1878 in Halle sesshaft gewordenen ältesten naturwissenschaftlich-medizinischen Gelehrtengesellschaft in Deutschland. Eine davon war die seit 1941 begonnene Publikation der Schriften Goethes zur Naturwissenschaft. Das hatte seinerzeit gute Gründe: Zum einen war Goethe seit 1818 Mitglied dieser Gesellschaft und zum anderen verfügte sie bzw. die hallesche Universität über Naturwissenschaftler von Rang, die ein solches Unternehmen in die Wege zu leiten vermochten. Zu ihnen gehörten der Physikochemiker Karl Lothar Wolf (1901–1969) sowie die Botaniker Wilhelm Troll (1897–1978) und Günther Schmid (1888–1949), die der damalige Präsident Emil Abderhalden der Akademie als kompetente Herausgeber benannte, und die schließlich den Boden für die unlängst fertiggestellte historisch-kritische Ausgabe der Schriften bereiteten.

Günther Schmid war es auch, der nach dem 2. Weltkrieg Bestrebungen unterstützte, in Halle eine Ortsvereinigung der Goethe-Gesellschaft ins Leben zu rufen. Angeregt durch den halleschen Stadtbaurat Prof. Dr.-Ing. Adolf Jacob Heilmann (1887–1949) fand sich eine Gruppe hallescher Goethefreunde um den Apotheker Otto Hein (1886–1968) und den Arzt Dr. Hermann Kuhn (1889–1949) bereit, ein solches Vorhaben in die Tat umzusetzen. Sie gründeten im Dezember 1947 die „Hallische Goethe-Gesellschaft e.V.“ und wählten Kuhn zum Vorsitzenden. Als sein Stellvertreter fungierte Schmid, Heilmann wurde Geschäftsführendes Vorstandsmitglied. Die Gründungsfeier folgte am 15. Februar 1948 in den Kammerspielen, dem heutigen Thalia-Theater, in einem festlichen Rahmen.

In den Jahren 1948 und 1949 konnte die Vereinigung ein anspruchsvolles Vortragsprogramm unterbreiten, das von der halleschen Bevölkerung wohlwollend aufgenommen wurde. U.a. hielt Hein den Festvortrag anlässlich der Goethe-Feier 1949 und stiftete zudem eine Goethe-Medaille, die der hallesche Bildhauer Gustav Weidanz (1889–1970) anfertigte. Außerdem bereicherte die Ortsvereinigung den Garten Johann Friedrich Reichardts, die ,Herberge der Romantik‘, die Goethe einige Male besuchte, mit einem Spruchstein, auf dem sich die bekannten Verse befinden:

Alle menschlichen Gebrechen
Sühnet reine Menschlichkeit.
Hallische Goethegesellschaft
gegründet am 4. Dezember 1947

Den Tod von drei Vorstandsmitgliedern im Goethe-Jahr 1949, Kuhn, Schmid und Heilmann, konnte die junge Vereinigung nicht kompensieren, die Arbeit der Vereinigung kam zum Stillstand.

Seit dem Herbst 1963 gab es Bemühungen um eine Neugründung, die insbesondere der hallesche Germanistikdozent Dr. Edgar Kirsch energisch vorantrieb. Am 9. Dezember 1964 fand die Gründungsveranstaltung statt. Zum Vorsitzenden der „Ortsvereinigung Halle der Goethe- Gesellschaft“ wurde der Germanistik-Professor Thomas Höhle (1926–2012) gewählt. Der vom Kulturbund betriebene „Klub der Intelligenz“ bot der Vereinigung und ihren 76 Mitgliedern eine Heimstätte mit Büro und Vortragssaal. Entschieden arbeitete Thomas Höhle das geistige Profil der Sozietät heraus und bemühte sich, einem breiten Publikum die Denkansätze der Goethe-Zeit in ihrer widerspruchsvollen Wirkmächtigkeit, die bis in unsere Tage reicht, nahe zu bringen. Die internationale Goethe-Gesellschaft Weimar e.V. würdigte seine Arbeit 2002 mit der Ehrenmitgliedschaft. Bis Ende 2003 war Thomas Höhle Vorsitzender und blieb der Vereinigung bis zu seinem Tod als Ehrenvorsitzender eng verbunden. Seine Nachfolge als Vorsitzender trat sein Schüler, Professor Dr. Hans-Joachim Kertscher, an.

Eingebunden war die Arbeit der Ortsvereinigung bis 1990 in den Kulturbund der DDR. Namhafte Referenten aus dem In- und Ausland, unter ihnen Schriftsteller, Musiker, bildende Künstler und Regisseure, sorgten für ein breit gefächertes wissenschaftliches und musikalisch-literarisches Programm, in dem neben Dichterlesungen, erinnert sei an Volker Braun, Franz Fühmann, Günter de Bruyn und Stephan Hermlin, auch über Inszenierungen des halleschen Theaters gesprochen wurde.

Die Anbindung der Ortsvereinigung an den Kulturbund der DDR war mit nicht unerheblichen finanziellen Zuschüssen verbunden, die es ihr ermöglichten, ein derart anspruchsvolles Programm realisieren zu können. Das war im Zusammenhang mit ihrer im Jahre 1990 erfolgten Umwandlung in einen eingetragenen Verein nicht mehr möglich. Die Heimstätte im „Klub der Intelligenz“ musste aufgegeben werden. Die Mitgliedsbeiträge der mittlerweile über 80 Personen umfassenden Mitgliederschaft, Spenden und partielle Zuwendungen der Stadt hielten und halten den finanziellen Rahmen der Vereinigung in engen Grenzen. Dennoch kann, vor allem dank der Bereitschaft von Dozenten des Germanistischen Instituts der Martin-Luther-Universität Halle- Wittenberg bzw. von Mitgliedern der Vereinigung selbst, unentgeltlich ihre Goethe-Forschungen vor dem interessierten halleschen Publikum zu entfalten, von einem durchaus interessanten wissenschaftlichen und geselligen Leben innerhalb der Vereinigung gesprochen werden. Dieses erfährt seit Jahren durch ein niveauvolles Exkursionsprogramm, das die Mitglieder auf den Spuren Goethes an bedeutende Goethe-Stätten führt, eine enorme Bereicherung.

Es lohnt sich also, Mitglied unserer Ortsvereinigung zu werden!